Das Anliegen des neuen Begleitstudiums am Philosophischen Seminar entsteht für mich unter anderem aus meiner Beschäftigung mit Hannah Arendt und ihren Überlegungen zum Denken. Sie schreibt:

Das Denkvermögen ist für den gewöhnlichen Lauf der Dinge nicht nur ‚zu nichts nütze‘ […], sondern es ist auch in gewissem Sinne selbstzerstörerisch, [indem] es sich mit dem Denken so verhält, wie mit dem Schleier der Penelope: jeden Morgen macht es das wieder zunichte, was es in der Nacht zuvor fertiggestellt hatte.“

Hannah Arendt: Über den Zusammenhang von Denken und Moral, in: Dies.: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im Politischen Denken I, München/Zürich 2012, S. 134f.

Diese Aussage von Hannah Arendt klingt so, als würde sie das Denken und damit auch die Philosophie grundlegend in Frage stellen: Das Denken scheint im Gegensatz zum Handeln, das Wirkungen in der Welt vollbringt, und im Gegensatz zum Wissen, das mit errungenen Wissensschätzen bestimmte Ergebnisse erzielt, zu nichts nütze zu sein, weil es nicht nur ergebnisoffen ist. Die Tätigkeit des Denkens zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass sie die einmal errungenen Gedanken immer wieder in Frage stellt, auflöst und neu webt, wie Penelope ihren Schleier. Haben das Denken und die Philosophie dann überhaupt noch eine Berechtigung?

Beide sind heute mehr denn je gefragt! Für Hannah Arendt ist die Offenheit und Wandlungsfähigkeit des Denkens nötig für die Ausbildung eines moralischen Gewissens. Ein solches Denken braucht keine äußeren Gebote, keine Kategorisierungen und sonstigen ‚Geländer‘. Vielmehr ist es in der Lage, aus dem aktiven Vollzug in der konkreten Situation ein immer neu verantwortetes, moralisches Urteil zu fällen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche ist für die bekannteste politische Denkerin des 20. Jahrhunderts das Denken die einzige Möglichkeit für eine verantwortungsbewusste Zeitgenossenschaft, denn in der Tätigkeit des Denkens geht es nicht um Ergebnisse, sondern um die Bildung von Fähigkeiten.