Der Krieg in der Ukraine, so wie die vielen anderen Kriege auf der Welt schockieren, ängstigen und beschäftigen uns alle – ob wir nun menschliche Beziehungen in die Krisengebiete haben oder die Ereignisse über die mediale Vermittlung verfolgen.
Jeder neue Krieg fordert aber auch das Bedenken des Friedens heraus: wo entsteht der Krieg in Wirklichkeit? Wo ist der Anfang, der dazu führt, Machtgier und Gewaltstreben irgendwann bis in die äußere Handlung zu führen? Krieg im weiten Sinne aufgefasst, ist immer schon das Herausgefallensein aus einem Frieden, den jeder Mensch in sich selbst suchen, finden und pflegen muss.
Eine Annäherung an diese Quelle des inneren Friedens kann die Betrachtung einer Stelle aus dem Johannesevangeliums sein. Kontext sind die sogenannten Abschiedsreden – das Vermächtnis des Jesus an die Jünger, bevor er den erlösenden Kreuzestod stirbt.

Joh, 14,27
Den Frieden lasse ich euch,
meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.
Euer Herz erschrecke nicht
und fürchte sich nicht. (Lutherbibel, 1912)

Frieden lasse ich euch.
Frieden, den meinen, schenke ich euch.
Nicht wie der Kosmos schenkt – ICH schenke euch.
Es sei nicht wankend-ungefügt euer Herz
noch kleinmütig wie eine untergehende Sonne!
(Übersetzung von Harald Schwaetzer, auf die ich mich im Folgenden beziehe)

Wir haben fünf klar gegliederte Zeilen vor uns, in deren Mitte das „ICH schenke euch“ steht. Frieden wird den Jüngern als göttliches Geschenk gegeben. In welcher Lage befinden sie sich?
Als unsicher, „wankend-ungefügt“, also aus dem ganz individuellen harmonischen Zusammenhang der Seele herausgefallen und als „kleinmütig“, d.h. ohne Zugriff auf die Kraft des eigenen Herzens, schildert Jesus ihr Bewusstsein. Die meisten von ihnen wissen nicht, was die Zukunft bringen wird. Ihr Meister wird verfolgt, und er spricht in zunächst wenig verständlichen Andeutungen über seinen Tod.
Wissend um diesen ihren inneren Zustand, lässt Jesus in den ersten beiden Zeilen sein Friedensgeschenk aus einer zweifachen Quelle fließen: Aus dem Lassen und aus dem Schenken. Sodann wird die neue Qualität des Friedens bezeichnet: nämlich eine, die nicht mehr aus der Wiederherstellung des (alten) kosmischen Zusammenhangs der Seele wie naturhaft zufließt, sondern aus der Ichheit des Christus selbst, wie sie in den Jüngern selbst nur durch die Aktivität des Eigenen wirksam werden kann, muss der „neue“ Friede entstehen.
So verstanden ist das „Lassen“ eine Qualität, die aus dem lebendigen Wesen des Menschensohnes strömt: die reine, sich selbst speisende Sonnenqualität des menschlichen Ich, die in die Welt hinein ausstrahlt und nicht in die Stimmung eines Untergehenden getaucht ist, sondern ein Aufgehendes bezeichnet, das nicht mehr „wankend-ungefügt“, sondern feststehend und sich selbst fügend in die Zukunft weist.
Und auch das „Schenken“ geschieht aus dem Ich-bin für das Ich-bin, denn im wahren Ich-Werden ist immer auch das Werden des anderen Ich enthalten. Es rechnet über das Lassen hinausgehend noch ein wenig mehr mit dem, was zwischen Schenkendem und Beschenkten entsteht. So wie die Sonne sich unendlich verschenkt und allem Leben spendet, so ist das menschliche Ich im christlichen Verständnis eine weltumfassende, kosmische Entität. Es bringt keine egoistische Geste hervor, sondern integriert die empfänglichen und gleichzeitig selbstergriffenen Seelen der erschütterten Jünger.
Nur aus dieser doppelt belebenden und integrierenden Quelle kann das nun folgende „Es sei nicht…“ verstanden werden. Denn hier liegt das Zutrauen in die Kraft zur Überwindung der seelischen Zerrüttung, die der allererste Anfang allen Krieges ist.
Dem Leser sei empfohlen, diese Worte laut zu lesen und zu sprechen. Er wird unmittelbar erleben, wie der Evangelist es ermöglicht, bereits durch die Sprache hindurch diese Ruhe und inneren Frieden verströmende Quelle zu aktivieren.