„… Weit entfernt aber bin ich auch wiederum, zu glauben, daß hiermit nun der ganze innere Goethe gezeichnet sei. Man kann diesen außerordentlichen Geist und Menschen mit Recht einem vielseitigen Diamanten vergleichen, der nach jeder Richtung hin eine andere Farbe spiegelt. Und wie er nun in verschiedenen Verhältnissen und zu verschiedenen Personen ein anderer war, so kann ich auch in meinem Falle nur in ganz bescheidenem Sinne sagen: dies ist mein Goethe.

Und dieses Wort dürfte nicht bloß davon gelten, wie er sich mir darbot, sondern besonders auch davon, wie ich ihn aufzufassen und wiederzugeben fähig war. Es geht in solchen Fällen eine Spiegelung vor, und es ist sehr selten, daß bei dem Durchgange durch ein anderes Individuum nichts Eigentümliches verloren gehe und nichts Fremdartiges sich beimische …“

So Johann Peter Eckermann in seinem Vorwort zu seinen „Gesprächen mit Goethe“. Eckermann ist weithin als Sekretär Goethes bekannt, der – von untergeordnetem Geist und ohne besondere eigene Fähigkeiten – ganz dem Genius Gothes hingegeben lebte und ihm zu Diensten war – als Herausgeber und Nachlassverwalter seiner Werke und zu Lebzeiten eher als Zuhörer denn als Gesprächspartner. Die damit einhergehende Bewertung, die sich, wie ich selbst hören durfte, aus dem Munde von sogenannten Goethe-Kennern in dem zweifelhaften Kosenamen „das Eckermännchen“ artikulierte, wage ich hier in Frage zu stellen. 

Nicht, dass es sinnvoll wäre, das Genie und die außergewöhnliche Bedeutung Goethes dadurch zu bezweifeln. Aber daneben die Eckermannsche Empfänglichkeit, ohne die höchstwahrscheinlich heute kein Faust II vorliegen würde, einmal eigenständig hervorzuheben, darum geht es mir. Was wäre die Welt ohne solche hingebungsvollen, sensiblen Geister wie Eckermann? So wie der grünen Schlange in Goethes Märchen gelang es ihm, durch mitfühlende und mitdenkende Präsenz und Opferwillen jemand für Goethe zu sein, der den großen Dichter und Naturforscher zu noch höherer Produktivität ermutigte und zu einem einzigartigen Sich-verstanden-Fühlen verhalf. In was für einer Welt leben wir, dass wir die produktiven Geister so ungleich höher schätzen als die empfänglichen?

Wie würde eine Gesellschaft aussehen, die diese Qualitäten zumindest in einen Ausgleich bringt: durch Menschen an der Spitze von Unternehmen, in Politik und in führenden Positionen, die ihre Ideen aus der Wahrnehmung ihres Umkreises nehmen und mehr andere fördern als sich selbst? Was stellen sich für innere Bilder ein, wenn wir dies einmal probeweise durchspielen?

Im Curriculum unseres Weiterbildungsprogramms behandeln wir daher die den „Gesprächen“ vorangestellte, beeindruckende Autobiografie Eckermanns als eigenständigen Text, der eine erstaunliche Einsicht in biografische Gesetzmäßigkeiten, feine Selbstwahrnehmungsqualitäten und einen weiten Sinn für Lebenszusammenhänge in klarer und gemäßer Sprache darzustellen vermag.

Lydia Fechner

Bild: Johann Peter Eckermann (1792-1854), gezeichnet von Johann Joseph Schmeller, 1825