„Wer sich heute auf die Wahrnehmung dessen beschränkt, was der Augenblick gerade an Sichtbarem bietet, der verfehlt die Realität. […] Wirkliches Sehen ist heute nur möglich bei geschlossenen Augen […].“

(Aus: Anders, Günther: Der Mann auf der Brücke. Tagebuch aus Hiroshima und Nagasaki. Berlin 1965, S. 57.)

Diese Zeilen schrieb Günther Anders 1965 in sein Tagebuch, das ihn auf eine Reise ins japanische Hiroshima und Nagasaki begleitete. Die humanitäre Katastrophe, die sich dort durch den Abwurf der amerikanischen Atombombe im Jahr 1945 ereignet hatte, stellte für den Philosophen die „Stunde Null“ der Menschheit dar – den Moment, in dem diese sich in die Lage versetzt hatte, sich selbst und die Erde potenziell mit einem Knopfdruck auszulöschen.

Wie kommt nun Anders angesichts seiner Erlebnisse in Japan zu dieser Feststellung über die (Un)Fähigkeit menschlichen Wahrnehmens in der Gegenwart?

Wir sind es gewohnt, in die Welt zu schauen und orientiert zu sein. Wir wissen: Dort ist dies und hier ist jenes. Für alle Dinge und Prozesse haben wir einen „Namen“. Einen sogenannten Begriff von etwas zu haben, bedeutet für uns, eine Sache in ihren Zusammenhang einordnen und sie handhaben zu können.

Was uns im Erkenntnisprozess nicht bewusst ist, leistet unser Denken wie automatisch für uns: Es ordnet die Wahrnehmung der zusammenhangslosen Einzelheiten zu einem Zusammenhang, in dem wir Sinn erkennen.

Was nun, wenn unser Denken – die Fähigkeit, uns von den Wahrnehmungen den passenden Begriff zu bilden – nicht mehr funktioniert? Günther Anders nennt dies in anderen Kontexten die „Überschwelligkeit“ der Wirklichkeit. Unsere Begriffe reichen nicht mehr aus für die Enormität dessen, was wir eigentlich wahrnehmen, handeln, produzieren. Unsere Erkenntnis versagt vor dem, was wir als Menschheit tun: Tun können wir es, es vorstellen schon fast nicht mehr, es empfinden wird unmöglich. So lautet das vernichtende Urteil Anders´ über die menschlichen Seelenvermögen.

Für unseren Alltag bedeutet das: Wir nehmen Prozesse wahr, aber wissen nicht genau, worum es geht. Ereignisse geschehen, und wir sind hilflos darin, diese einzuordnen und zu verstehen, geschweige denn diese irgendwie souverän zu gestalten. Das Wort „Krise“ bringt diese Erfahrung auf den Punkt.

Doch was ist Anders´ positiver Vorschlag für den Ausgang aus dieser Lage? Sein Votum „Wirkliches Sehen ist heute nur möglich bei geschlossenen Augen“ deutet in eine Richtung. Die Augen zu schließen deutet auf eine unserer inneren Fähigkeiten: Das Denken. Die Leistung, die unser Denken für uns zunächst von selbst hervorbringt, kann in den Blickpunkt unserer Aufmerksamkeit rücken. Je stärker wir aufmerksam werden auf den Prozess unserer Erkenntnis, desto mehr verstehen wir, wie wir zu unseren Urteilen über die Welt kommen. Wir nehmen bewusst und wach Anteil am Zustandekommen unseres Erkennens, und dadurch können wir es auf seinen Wahrheitsgehalt hin prüfen.

Ein bewusst gewordenes Denken lernt, den Sinn in den Dingen mit hervorzubringen und zu schauen: Das prozesshaft wach gewordene Denken erwacht dafür, ein Wahrnehmungsorgan für die Welt zu sein. Es ist die nach innen gerichtete Tätigkeit des Ich, das dadurch erst für seine Außenwelt erwacht – gleichsam die Voraussetzung für ihre Gestaltung.