„Bravely, my diligence. Thou shalt be free!“

Mit diesen Worten erhält der Luft- und Naturgeist Ariel am Schluss von Shakespeare‘s Drama „The Tempest“ die Freiheit. Sehr seltsam muten uns diese Worte an, wenn wir uns ihren Kontext im Drama vor Augen führen. Ariel ist ein Geist, der über die Naturgewalten herrscht und geistige Visionen für Menschen erzeugen kann; er muss Prospero, einem Menschen, der sich magische Kräfte erübt hat, gehorchen. Der Gedanke eines Naturgeistes ist uns zumeist schon fremd; dass dieser Naturgeist zugleich auf das geistige Vermögen der Menschen Einfluss hat und auch durch sein Handeln das Schicksal und die Biographie der Menschen entscheidend mitbestimmt, wie es das Drama beschreibt, ist uns noch fremder.

Und doch stutzt man an dieser Stelle, weil unsere Gegenwart der Situation im Drama so ähnlich ist: Wir erleben intensiv den Zusammenhang einer wirkenden Natur, die auf das Schicksal unserer Kultur und auf unsere Biographien wirkt. Noch weitergehender aber ist, dass Ariel „bravely“, also „wacker“, gehandelt hat und, wie an einer anderen Szene sichtbar wird, sich ein moralisches Urteilsvermögen angeeignet hat. Wenn man in der mitteleuropäischen Tradition von Naturwesen sprach, waren diese, wie die Natur im Ganzen, außerhalb der Sphäre des Moralischen. Ariel hingegen entwickelt als individueller Geist durch die Begegnung mit dem geistig geübten Menschen Prospero eine Moralität; damit steht ein Naturgeist wie Ariel in einem neuen, engeren Verhältnis zum Menschen. Diese über die Naturkraft gebietende Moralität nennt Prospero im Eingangszitat „my diligence“ / „meine eifrige Sorgfalt“. Die zugleich moralisch wie natürlich gut ausgeführte (magische) Handlung als Eigenschaft Prosperos ist zugleich ein Naturgeist.

Keine Symbiose, sondern eine sehr sorgfältig beschriebene Beziehung zwischen Mensch und Naturgeist entsteht. Sie ist die Grundlage für einen weiteren Schritt. Prospero schenkt, so das Zitat, Ariel die Freiheit. Der Mensch vermag dem moralisch gewordenen Naturwesen Freiheit zu schenken – ein Gedanke Shakespeare‘s, der noch viel befremdlicher ist als die vorigen, aber von ihnen her konsequent erscheint: Der durch seine Menschenbegegnung individuell und moralisch gewordene Naturgeist ist freiheitsfähig.

Die Rückseite dieser Freiheit ist, dass Prospero seinerseits einen Entwicklungsschritt macht und auf seine magischen Naturkräfte verzichtet zugunsten eines Wirkens in reiner Liebe in der völligen Akzeptanz des Anderen; eine Akzeptanz, die niemals direkt eingreift in die Sphäre des Anderen, sich aber ganz von ihm abhängig macht und daraus Möglichkeiten gemeinsamer Schicksalsgestaltung anbietet. Dieser Verzicht wird ihm möglich, weil es einen freien, individuellen Naturgeist gibt.

Was, wenn wir diese Idee Shakespeare‘s einmal als zu prüfende Maxime für unseren Umgang mit der Mit-Natur und dem Mit-Menschen in einem Zeitalter des Anthropozän denken?