„Im Menschen kommt diese Verstellungskunst [des Intellekts, LF] auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentiren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskirtsein, die verhüllende Convention, das Bühnenspiel vor Anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, dass fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte.“

Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne.

Nietzsches Intellektkritik scheint unmittelbar einleuchtend, sogar für uns PhilosophInnen, die wir das Denken zum Ausgangspunkt unseres Versuches gemacht haben, die Welt und das Leben zu verstehen. Nietzsches scharfe Analyse bestätigt sich durch jeden Blick in die Medien, in unser Umfeld, in uns selbst. Wo finden wir noch Ehrlichkeit und offenen Wahrheitssinn, wenn die ganze Welt uns zuruft: achte auf Deinen Vorteil! Und das geht nur, wenn Du lügst, betrügst und Erzählungen erfindest, die die Welt so modellieren, wie Du sie brauchst.

In der lebendigen Philosophie verstehen wir die Janusköpfigkeit des Intellektes als notwendige Eigenschaft des Denkens, das sich in selbstloser Weise unserer Erkenntnistätigkeit zur Verfügung stellt. Man kann es für egoistische Zwecke missbrauchen, es benutzen und es sogar sich selbst in der Lüge vollkommen entfremden. Es ist aber glücklicherweise in die Freiheit des Menschen gestellt, sich selbst so zu wandeln, dass er dem wahren Wesen des Denkens gerecht werden kann: selbstlos einzutauchen in die Erscheinungen der Welt – nicht nur die Dinge abbildend, sondern in Verantwortung gestaltend. Denn: Eine Entwicklung des Intellektes zum Guten ist ohne eine Reifung des Menschen nicht möglich. In unserer Arbeit haben wir uns die Aufgabe gestellt, Menschen dabei zu unterstützen, moralische Entwicklung und Denken bewusst verbinden zu lernen. Um Wahrheit und Schönheit in der Welt in die Erscheinung treten zu lassen.

Lydia Fechner