Stille wird häufig als Gegenbegriff von Lärm verstanden: je weniger Geräusche im Außen, desto stiller ist es. – Schweigen wird zum Gegenbegriff von Sprechen: je weniger Worte man macht, desto schweigsamer ist man.

Spirituelle Angebote, oftmals von östlichen Religionen inspiriert, kultivieren die Stille, um zu innerer Harmonie, seelischem Frieden und in ihrer Vertiefung zu einem Zustand der Leere zu gelangen. In dieser Leere wird höchste Präsenz gesucht, Gegenwärtigkeit und Befreiung von der Alltagswelt oder das Dasein im Hier und Jetzt. Das Schweigen dient als Übungsweg hin zu dieser aktiven Leere. Im geübten Schweigen kommt der umherschweifende Geist zur Ruhe und zu sich selbst.

Nichts davon möchten wir mit unseren Angeboten zu einem philosophisch inspirierten Stille-Verständnis in Frage stellen. Und doch möchten wir mit ersten, zunächst ähnlichen Schritten auf dem Weg des Schweigens ein anderes „Ziel“ ansteuern.

Wir beginnen mit dem bewusst eingeübten Schweigen, um durch die innere Kraft von möglichst genauer Selbstbeobachtung und der Zurückhaltung von Vorstellungen, Empfindungen und Willensregungen in innere Bewegungen zu kommen, in denen zwar auch eine Leere entsteht, ebenfalls eine der äußersten Aktivität. Diese ist aber lediglich ein Durchgangsstadium. Philosophen haben diesen Bereich, den der eigentlichen Freiheit genannt, da erst hier die Möglichkeit entsteht, von sich selbst und allem Gewohnten gelöst,einen freien, rein geistigen Gestaltungsraum zu betreten. Hier geschieht nichts, ohne dass wir es wollen, und alles, was geschieht, ja auch wer wir sind, muss gewollt sein. Johann Gottlieb Fichte hat zu diesem Erleben den treffenden Satz geprägt: „Man wird des erhabnen Gefühls theilhaftig: ich bin, was ich bin, weil ich es habe seyn wollen.“

Konkrete Übungen des aufmerksamen Hörens bereiten auf diesen Schritt vor, denn die Erfahrung reinen Denkens ist einerseits eine aufnehmende, empfangende, wie es das wirkliche Hören ist, und gleichzeitig höchst aktiv, indem wir geistig bewusst beginnen können, allmählich wie aus Keimen eines befreiten Denkens, lebendige Begriffe zu bilden.

Auf diesem Weg entdecken, skizzieren und beschreiben wir das, was uns in unserem Inneren unterwegs begegnet: Phänomene in der Welt unserer Vorstellungsbildung, der Gefühle und des Willens. Auch hier stellt sich innere Ruhe ein. Aber sie ist nicht das, was ausschließlich gesucht wird. Gesucht wird die Begegnung mit der realen Wesenheit des Denkens; wir finden unser neues Ich-Zentrum nun in der „Selbstbewegung der Begriffe“ (Hegel).

Begriffe erfahren wir hier nicht als Abstraktionen oder schwebende Ideen, die losgelöst von der Wirklichkeit ein Dasein führen. Begriffe führen uns in die Realität hinein, die wir vorher oft nur durch die Brille unserer Vorstellungsbilder und persönlichen Vorlieben gesehen haben.

Stille wird so zur Voraussetzung wirklichen Denkens; Schweigen zur Fähigkeit, Vorstellen, Fühlen und Wollen zunächst hinter uns zu lassen, um diese wahrnehmend werden zu lassen in schöpferischer philosophischer Tätigkeit.