„Jede Philosophie ist in sich vollendet und hat, wie ein echtes Kunstwerk, die Totalität in sich.“
G.W.F. Hegel

Jede Firma, die etwas auf sich und ihre ethischen Grundsätze hält, hat heute eine „Philosophie“. PolitikerInnen und ManagerInnen sprechen von „meiner Philosophie“ und sogar Produkte haben eine „Produktphilosophie“.

Was der Philosoph Hegel beispielhaft für andere in dem obigen Zitat aussagt, hat mit dem, was heute populär unter dem Wort Philosophie verstanden wird, wenig bis gar nichts zu tun. Wenn ich von einer „Produktphilosophie“ spreche, so meine ich eine Botschaft, eine hinter dem Produkt liegende gedankliche oder ethische Aussage, die es – zumindest in den Augen der ErfinderInnen und einiger KonsumentInnen – wertvoller macht.

Hegel denkt Philosophie als eine eigene Individualität, die aber mit dem Ganzen der Philosophiegeschichte, also der Geschichte des menschlichen Denkens, eine Einheit bildet. In der Zeit, in der er diesen Satz schreibt, möchte er dem/der LeserIn mitteilen, dass Geschichte keine so verstandene lineare Entwicklung zeitigt, die aus mehr oder minder unvollkommenen „Vorübungen“ besteht und zum endlich vollkommenen Ziel mit allen gelösten Fragen besteht. Geschichte des Denkens bedeutet, wenn ich denn wirklich denke, immer schon in der Ganzheit zu sein. Und diese – wie die Individualitäten, die an ihr teilhaben – ist lebendig gedacht. Philosophie ist aus Hegels Sicht ein Lebendiges, und philosophisches Denken eine Kraft, lebendige Ganzheiten wie ein Kunstwerk hervorzubringen.

Philosophieren kann man daher auch nicht einfach, man muss es lernen. Gleichzeitig ist jeder Mensch fähig zu philosophieren, indem er/sie, aus dem Staunen kommend, fragen lernend, beginnt, Gedanken so organisch zu bilden, dass diese wachsen wie Pflanzen. Es gibt einen Keim, der in seiner eigenen Zeit die ersten Blättchen austreibt, dann einen Stengel, mit mächtigerem Blattwerk, das in die Umgebung ausgreift und eine Blüte, die den Himmel berührt. Jede Pflanze steht im Zusammenhang mit der ganzen, in sich vollkommenen Natur.

Dies ist ein Grund, warum wir LEBENDIGE PHILOSOPHIE praktizieren: wenn wir heute Gesellschaft und Natur aus dem zerstückelnden Nützlichkeitsdenken und fragmenthaften Wahrnehmen erlösen wollen, brauchen wir Kunstwerke des Denkens.

Lydia Fechner